Wüste

Sie nennen es „The Line“: eine 170 Kilometer lange, spiegelglatte Megastadt mitten in der kargen Wüste im Nordwesten Saudi-Arabiens. 500 Meter hoch, 200 Meter schmal, wie ein gigantisches Lineal aus Glas und Stahl, das sich schnurgerade durch die Einöde zieht. Geplant ist eine Stadt der Superlative – vollständig ohne Autos, dafür mit KI-gesteuerter Mobilität, Hochgeschwindigkeitszügen und einer Infrastruktur, die sich vertikal stapelt. Wohnungen, Büros, Schulen, Parks – alles in einer klimatisierten Röhre, hermetisch abgeschlossen von der Außenwelt. Vertikale Landwirtschaft soll für Ernährung sorgen, gigantische Solarfelder für Energie. Für Mohammed bin Salman, den saudischen Kronprinzen, ist dieses Projekt das Kronjuwel seiner Vision 2030 – der Versuch, das Land von seiner Öl-Abhängigkeit zu befreien und als Hightech-Nation neu zu erfinden.

Zwangsräumungen und Verhaftungen

Foto von Tima Miroshnichenko, pexels.com

Doch während die Renderings eine glitzernde Utopie aus Science-Fiction-Filmen versprechen, zeigt die Realität bereits tiefe Risse. Damit Platz für The Line geschaffen wird, mussten ganze Dörfer verschwinden. Besonders hart getroffen hat es den Huwaitat-Stamm, der seit Jahrhunderten in der Region lebt. Bewohner berichten von Zwangsräumungen, willkürlichen Verhaftungen und brutaler Gewalt. 2020 wurde ein Mann erschossen, nachdem er sich geweigert hatte, sein Haus zu verlassen. Andere Stammesangehörige erhielten drakonische Strafen – darunter jahrzehntelange Haft oder sogar Todesurteile, nur weil sie ihre Heimat nicht aufgeben wollten. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch dokumentieren diese Fälle und sprechen von einem Projekt, das auf systematischer Unterdrückung gebaut wird. Eine Stadt der Zukunft entsteht hier nicht auf unberührtem Terrain, sondern buchstäblich auf den Ruinen einer gewachsenen Kultur.

Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit wird auch in ökologischer Hinsicht deutlich. The Line inszeniert sich als „grüne Utopie“ – null Emissionen, nachhaltige Energie, klimaneutral. Doch schon jetzt verschlingt der Bau gigantische Mengen Beton und Stahl, die ihrerseits enorme Mengen CO₂ freisetzen. Kritiker warnen, dass die spiegelglatten Fassaden wie ein riesiger Brennglas-Effekt wirken könnten – eine Todesfalle für Vögel und eine Gefahr für das lokale Klima. Zudem muss Wasser in gigantischem Maßstab aus dem Roten Meer entsalzt werden, um die künstliche Mega-Oase am Leben zu halten. Ein Projekt, das sich als Lösung für die Klimakrise verkauft, könnte so selbst zu einem ökologischen Albtraum werden.

Manhatten der Zukunft in Saudi Arabien?

Weltkarte aus Holz mit Saudi Arabien, wo The Line gebaut wird.
Foto von Anthony Beck, pexels.com

Und dennoch: Investoren, Architekten und Tech-Konzerne zeigen sich begeistert. Von einem „Manhattan der Zukunft“ ist die Rede, von einem Labor für die Städte von morgen. Hinter den Kulissen mehren sich allerdings Zweifel: Experten rechnen längst damit, dass statt der versprochenen neun Millionen Einwohner höchstens einige Hunderttausend in den ersten Abschnitten wohnen werden – falls überhaupt jemand dauerhaft einzieht. Wer will schon in einer 170 Kilometer langen Glasröhre leben, in der Tageslicht rar ist, Freiraum fehlt und jede Bewegung von Algorithmen kontrolliert wird? Das Versprechen, eine „Stadt für alle“ zu schaffen, wirkt wie eine Fassade. Realistisch betrachtet wird The Line wohl eher ein Luxus-Refugium für Superreiche und Expats – eine Mischung aus Prestigeobjekt und Tech-Spielwiese, die für die Mehrheit der Bevölkerung unerschwinglich bleibt.

So bleibt am Ende ein Widerspruch, der größer kaum sein könnte: Hier soll eine Stadt entstehen, die Fortschritt und Zukunft symbolisiert – doch gebaut wird sie mit Methoden, die an feudale Herrschaft, Gewalt und ökologische Rücksichtslosigkeit erinnern. „The Line“ könnte deshalb weniger als Aufbruch in eine neue Epoche wahrgenommen werden, sondern als Mahnmal einer Gegenwart, die glänzende Fassaden errichtet und dabei die Menschen, die Kultur und die Natur im Fundament begräbt.

Headerbild: Greg Gulik, pexels.com

Von Redaktion

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