Lift me up – Aufzüge in Mega-Wolkenkratzern

Treppen sind überbewertet.

Zumindest, wenn es um moderne Wolkenkratzer geht, wie zum Beispiel dem Burj Khalifa in Dubai. Das 828 m hohe Prestigeprojekt, das 2010 fertig gestellt worden ist, hat 160 Stockwerke. Wenn man den Turm zu Fuß über die Treppe erklimmen möchte, muss man etwa 2.900 Stufen überwinden. Das mag für Extremsportler eine schöne Herausforderung sein, ist aber für den Alltag natürlich unzumutbar.

Auch wenn das viel zitierte explodierende Bevölkerungswachstum nicht ganz der Wahrheit entspricht, zieht es die Menschen immer mehr in die großen Städte dieser Welt. Das konfrontiert die Stadtplaner mit dem Problem, bei überall herrschender Flächenknappheit in den Metropolen für genügend Wohnraum zu sorgen.

Die Lösung kann nur in einer vertikalen Bauweise liegen und so nimmt die Zahl der Mega-Wolkenkratzer immer mehr zu.

Prestige-Gebäude mit hohen Anforderungen

Sie sind die Kathedralen der Neuzeit, zumindest was den Goldstandard der Baukunst betrifft. In der Zeit der Gotik war das erklärte Ziel, solange noch mehr und noch größere Fenster in die sakralen Strukturen einzufügen, bis diese fast zu filigran wurden, um stabil zu bleiben.

Thyssenkrupp-Testturm in Rottweil
Im beschaulichen Rottweil schraubt sich der Thyssenkrupp-Testturm in die Höhe.

Heute heißt das Zauberwort „Höhe“. Auf der arabischen Halbinsel entsteht aktuell der Jeddah Tower, mit über einem Kilometer das höchste Gebäude aller Zeiten. Und das beansprucht Ingenieure und Architekten auf der ganzen Welt, besonders in Bezug auf immer ausgeklügeltere Aufzug-Systeme. Diese müssen effizient und sicher sein, wenig Wartung benötigen und vor allem einen schnellen Transport ermöglichen. Klassische Aufzüge mit Seilzug stellen da keine Option für die Zukunft dar.

Dabei haben diese durchaus einen beeindruckenden Technik-Standard erreicht. Im Shanghai Tower in Shanghai etwa erreicht der dortige NexWay-Aufzug eine Geschwindigkeit von 73,8 km/h, das entspricht 20,5 Metern pro Sekunde. Der schnellste Aufzug der Welt. Hochmoderne Aufzugsysteme des Chow Tai Fook Centre in der südchinesischen Metropole Guangzhou und des Taipeh 101 stehen diesen Leistungen nur knapp nach.

Dennoch reicht die Technologie kaum aus, um einen reibungslosen und effizienten Transport zu bewerkstelligen. Auch die Anzahl der Aufzüge steigt. Im One World Trade Center in New York nehmen Aufzüge bereits 60% der Grundfläche ein. Hinzu kommt das hohe Gewicht der Stahlseile, sowie die Windbelastung, die bei Gebäuden in dieser Höhe unumgänglich ist. Wenn die Gebäudeschwingungen sich auf die Seile übertragen, fangen diese ebenfalls an zu schwingen und können sich im Schacht verfangen oder beschädigt werden.

Der Multi-Elevator – eine Innovation aus Deutschland

Die Lösung für eine zukunftsfähige Aufzugtechnologie entsteht derzeit in Deutschland. In ihrem 246 Meter hohen Test Tower in Rottweil entwickelt Thyssenkrupp seit 2017 ein System, das in seinen Grundzügen im Gebiet der Personenbeförderung schon länger bekannt ist: Magnetschwebebahnen.

Im von Stararchitekt Helmut Jahn entworfenen Turm laufen derzeit Versuche mit dem „Multi“-Aufzug, der auf besagter Technologie basiert, wie sie auch schon beim Transrapid zum Einsatz kommt. Einen Vorteil bildet der geringe Platzbedarf der Technik, was deutlich kleinere Schächte ermöglicht, im Vergleich zu Seilsystemen. Die Kabinen aus Kohlefaser-Verbundmaterial werden von elektrischen Linearmotoren und wandernden Magnetfeldern angetrieben, bei Geschwindigkeiten von bis zu 5 Metern pro Sekunde.

Flexibilität und Spezialisierung auf hohe Gebäude

Das klingt zunächst nicht beeindruckend, allerdings erlaubt das System, dass mehrere Kabinen gleichzeitig unabhängig voneinander im selben Schacht zirkulieren können. Das reduziert die maximale Wartezeit auf die Kabine auf nur 30 Sekunden.

Selbst eine horizontale Bewegung ist über drehbare Weichen möglich. Zudem unterliegt das System keinen Beschränkungen in der Höhe. Allerdings ist der Einsatz des „Multi“ nur bei Stopps alle 50 bis 100 m sinnvoll.

Nach Aussage von Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzender von Thyssenkrupp Elevator stand neben dem Transrapid ein guter alter Bekannter bei der Projektidee Pate, den man nur noch an wenigen Orten wie dem Kieler Rathaus, bewundern kann: Der Paternoster.

Nun wird das System zum ersten Mal in der Praxis eingeführt: Der East Side Tower, der nahe der Mercedes-Benz-Arena noch dieses Jahr fertig gestellt wird, ist das erste Projekt, das den Multi-Elevator nutzen wird.

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